Musikw. Einführung
Die Forschung hatte bereits seit dem frühen 20. Jahrhundert erkannt, dass Giuseppe Verdi während seiner Jugend‑ und Studienzeit eine beträchtliche Anzahl geistlicher und profaner Werke komponiert hatte, von denen er später einen erheblichen Teil vernichtet hat oder deren Vernichtung er ausdrücklich wünschte.¹ Diese Bitte wurde jedoch häufig nicht befolgt; zudem waren weder Verdi noch seine Gattin Giuseppina Strepponi besonders konsequent im Umgang mit älteren Manuskripten, die sie nachweislich über Jahrzehnte aufbewahrten.²
Besondere Bedeutung kam in den letzten Jahrzehnten den Arbeiten des in Busseto ansässigen Musikwissenschaftlers Dino Rizzo zu, Stadtorganist und langjähriger Forscher der lokalen Bestände.³ Durch seine Veröffentlichungen wurde bekannt, dass sich in der Biblioteca della Fondazione Cassa di Risparmio e Monte di Credito su Pegno in Busseto, in verschiedenen italienischen Bibliotheken sowie in der Museumsbibliothek des Museo Teatrale alla Scala zahlreiche Jugendwerke Verdis erhalten hatten. Diese umfassen sowohl geistliche Kompositionen aus der Zeit unter Ferdinando Provesi als auch frühe weltliche Werke, die Verdi später nicht mehr öffentlich erwähnte.⁴
Eine neue Phase der Forschung setzte in den Jahren 2018/2019 ein, als im Auftrag des damaligen italienischen Kulturministers Dario Franceschini rund 6000 Musikskizzen aus Verdis Haus beschlagnahmt worden waren.⁵ Franceschini vertrat die Auffassung, es handle sich um nationales Kulturgut, das nicht als Privateigentum gelten dürfe. Die Skizzen wurden in das Archivio di Stato in Parma überführt. Diese Maßnahme war nicht nur kulturpolitisch motiviert, sondern auch konservatorisch notwendig, da der bauliche Zustand der Villa Verdi bereits damals schon als „ sehr kritisch“ eingestuft worden war.⁶
Mitte 2025 erfolgte eine weitere Beschlagnahme, diesmal von mehreren Dutzendtausend Dokumenten, die aufgrund des fortschreitenden Verfalls der Villa und der akuten Gefährdung der Materialien in das Archivio di Stato in Piacenza gebracht wurden.⁷ Bereits zuvor war bekannt geworden, dass einzelne Dokumente – darunter solche zur Oper Macbeth – von Schimmel befallen gewesen waren, was die Dringlichkeit der konservatorischen Maßnahmen bestätigte.⁸
Die wissenschaftliche Auswertung dieser Bestände wird mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Erst nach Abschluss der systematischen Katalogisierung und Restaurierung wird sich zeigen, ob sich unter den neu gesicherten Materialien weitere Jugendwerke Verdis befinden, die über die bisher bekannten Kompositionen hinausgehen.
Anmerkungen:
1. Verdi äußerte bereits in den 1840er‑Jahren mehrfach den Wunsch, frühe Kompositionen „nicht mehr sehen“ zu wollen; vgl. Strepponi‑Briefe und frühe Korrespondenz mit Ricordi.
2. Strepponi berichtete später, Verdi habe „vieles verbrannt“, doch sei manches von Freunden oder Lehrern aufbewahrt worden.
3. Dino Rizzos Arbeiten sind für die Rekonstruktion der Busseto‑Bestände zentral; er dokumentierte zahlreiche Autografe, die zuvor kaum bekannt waren.
4. Die Bibliothek des Teatro alla Scala (Museum) besitzt mehrere Jugendwerke, die über Ferdinando Provesi und die Busseto‑Schule in den Bestand gelangten.
5. Die Maßnahme Franceschinis war kulturpolitisch umstritten, aber juristisch gedeckt durch das italienische Kulturgutschutzgesetz (Codice dei beni culturali).
6. Der Zustand der Villa Verdi wurde bereits 2012 danach 2017/18 und erneut 2020/21 als „strukturell gefährdet“ eingestuft; konservatorische Eingriffe waren unumgänglich.
7. Die Überführung nach Piacenza erfolgte aufgrund der besseren konservatorischen Infrastruktur des dortigen Staatsarchivs.
8. Der Schimmelbefall an Dokumenten zu Macbeth wurde durch lokale Archivare bestätigt und öffentlich kommuniziert.
9. Die systematische Erschließung der neuen (alle) Bestände wird voraussichtlich mehrere Jahre dauern; erste Vorberichte deuten auf bislang unbekannte Fragmente hin.



