Arrigo Boito (2, Teil)
1875 feierte die umfassend überarbeitete Fassung von Mefistofele in Bologna großen Erfolg, und Boito schien sich wieder der Komposition zuwenden zu wollen. So plante er sofort die Oper Nerone (NERO) und begann mit dem Schreiben des Librettos das erst 1901 vollendet und veröffentlicht wurde; die Oper selbst blieb unvollendet und wurde erst 1924 posthum aufgeführt, nachdem Antonio Smareglia und Vincenzo Tommasini die Partitur vervollständigt hatten.
1875 schrieb Boito für die Abschlussprüfung von Alfredo Catalani das Libretto La falce, und im folgenden Jahr erzielte er einen seiner größten Erfolge mit dem Libretto La Gioconda für Amilcare Ponchielli, erneut unter dem Pseudonym Tobia Gorrio. 1876 entstand dann das Libretto Semira für Luigi Sangermano, das jedoch nie vertont wurde. 1877 veröffentlichte Boito Il libro dei versi und schrieb das Libretto Pier Luigi Farnese, später von Costantino Palumba vertont und 1891 im Teatro Costanzi in Rom in einer Probeaufführung gezeigt, jedoch nicht regulär aufgeführt wurde.
Zwanzig Jahre nach der Begegnung mit Verdi im Jahr 1862 und nach dem Vorfall von 1863 – als Faccio bei einer Feier eine Ode All’arte italiana improvisierte, die Verdi als Angriff empfand – nahm Boito über Giulio Ricordi wieder Kontakt zu Verdi auf. Er überarbeitete Piaves Libretto zu Simon Boccanegra umfassend für die Wiederaufnahme an der Scala (24. März 1881). Die Zusammenarbeit setzte sich mit den Libretti zu Otello (5. Februar 1887) und Falstaff (9. Februar 1893) fort und allmählig entstand zwischen beiden eine immer mehr intime/herzliche kaum noch zu beschädigen Freundschaft.
Während der frühen Phase der Arbeit an Otello berichtete die neapolitanische Zeitung Roma, Boito habe „Bedauern darüber empfunden, nicht der Maestro sein zu können, der dazu bestimmt war, das Werk zu vertonen“ (24. März 1884). Eine journalistische Übertreibung – doch Verdi nahm sie übel und gab das Libretto zurück. Boito klärte aber das Missverständnis und schloss seinen Brief mit den Worten:
„Um Himmels willen, geben Sie den Otello nicht auf, geben Sie ihn nicht auf, er ist Ihnen vorherbestimmt. Machen Sie ihn fertig; Sie hatten bereits begonnen, daran zu arbeiten, und ich war schon getröstet und hoffte, ihn in nicht allzu ferner Zukunft vollendet zu sehen. […] Nehmen Sie wieder die Feder zur Hand und schreiben Sie mir bald: ‚Lieber Boito, tu mir den Gefallen, diese Verse zu ändern‘ usw., und ich werde sie sofort und mit Freude ändern und für Sie arbeiten können – ich, der ich nicht für mich selbst arbeiten kann –, denn Sie leben im wahren Leben der Kunst, ich hingegen in der Welt der Halluzinationen“ (19. April 1884).
In diese Zeit intensiver Zusammenarbeit fällt auch Boitos Liebesbeziehung mit der Schauspielerin Eleonora Duse (1887–1898); für sie übersetzte er Shakespeares Antonio e Cleopatra, das ab 1888 aufgeführt wurde. Und wahrscheinlich entstand in diesen Jahren auch das Libretto Basi e bote im venezianischen Dialekt, möglicherweise mit der Absicht einer eigenen Vertonung; das Projekt wurde aber erst 1914 von Riccardo Pick‑Mangiagalli realisiert.
Wenige Monate nach Verdis Tod (27.01.1901) lud Camille Bellaigue Boito am 12. März ein, an einer Studie über den Meister für die Revue des deux Mondes mitzuwirken. Boito lehnte nach einigen Tagen ab: „Maintenant c’est impossible. Quand mon cruel travail à moi sera terminé [Nerone], je réclamerai cette grande joie, soyez‑en sûr.“ Im selben Brief erläuterte er seinen Rückzug eindringlicher: „Mein lieber Freund, ich habe in meinem Leben Menschen verloren, die ich vergöttert habe; der Schmerz hat die Resignation überdauert, doch ich habe mich nie dabei ertappt, Hass gegen den Tod und Verachtung gegen diese geheimnisvolle, blinde, dumme, triumphierende und feige Macht zu empfinden. Es bedurfte des Todes dieses Neunzigjährigen, um in mir diesen Eindruck wieder zu wecken. Auch er hasste den Tod, denn er war der mächtigste Ausdruck des Lebens, den man sich vorstellen konnte; er hasste ihn wie die Trägheit, das Rätsel und den Zweifel. Nun ist aber alles vorbei. Er schläft wie ein König von Spanien in seinem Escorial unter einer Bronzetafel, die ihn ganz und gar bedeckt“ (7. April 1901).
Vielleicht hatte Boito tatsächlich die Absicht, sich mit Verdis Leben umfassend auseinanderzusetzen; unter seinen Papieren fanden sich Notizbücher mit Aufzeichnungen zu Episoden und Orten aus Verdis Leben, die wie Vorarbeiten zu einer großen Biografie wirken, die jedoch nie begonnen wurde.
Nach Verdis Tod widmete sich Boito fast ausschließlich der langsamen Arbeit an der Komposition von Nerone (NERO), die wie gesagt unvollendet blieb.



