Geistliche Werke

1. Tantum ergo

Kommentar: Mehrere Fassungen sind überliefert, teils vollständig, teils fragmentarisch. Die Werke entstanden in Busseto während Verdis Ausbildung bei Ferdinando Provesi. Die Zuschreibung gilt als gesichert, da Autografmerkmale und zeitgenössische Aufführungsberichte übereinstimmen. Einige Fassungen zeigen deutliche stilistische Nähe zu Kirchenmusiktraditionen der Emilia-Romagna.

Fassung 1 um 1829   in F - Dur,  für Baßstimme und Orchester 

Text: Katholische Liturgie 

Handschrift, con interventi di Ferdinando Provesi: Busseto, Biblioteca della Fondazione Cassa di Risparmio e Monte di Credito su pegno.

Fassung 2 um 1831/32 in G. Dur, für Tenorstimme und  Orchester

Text: Katholische Liturgie 

Handschrift, con interventi di Ferdinando Provesi: Busseto, Biblioteca della Fondazione Cassa di Risparmio e Monte di Credito su pegno.

Fassung 3 um 1836  ebenfalls  in G . Dur rür Tenorstimme, Orchester und Orgel  (Flöte, zwei Klarinetten,  Fagot, zwei Hörner, 2 Trompeten, Trombone und Streicher)

Text: Katholische Liturgie 

Vermutlich im November 1836 komponiert worden, als die Arbeit an der Oper Rocester nahezu vollständig abgeschlossen gewesen war.

Handschrift: Mailand, Biblioteca teatrale „Livia Simoni“ (Teatro alla Scala), mit einer nicht‑autografen Aufschrift (wahrscheinlich von Emilio Seletti):

autografo originale a piena Orchestra, con / parte separata da cantarsi anche col solo Organo, del / Maestro signor Verdi Cavaliere Giuseppe, scritto nel / Novembre del 1836, ed eseguito per la prima volta il / Primo dell’Anno del 1837 dal dilettante Macchiavelli / Luigi nell’Insigne Collegiata di San Bartolomeo di / Busseto, e ricevuto in regalo dal medesimo Autore in / attestato d’amicizia.“

Verdi auf der erste Seite selbst darüber:

„Ich erkenne, ach!, dass ich dieses Tantum Ergo vor etwa sechzig Jahren in Musik gesetzt habe!!! Ich rate dem Besitzer dieses unglücklichen Werkes, es den Flammen zu übergeben. Diese Noten haben keinerlei musikalischen Wert, noch den geringsten religiösen Anstrich!! / Sant’Agata, 1. September 1893 / G. Verdi“

Erste postume Ausgabe: Faksimile und Transkription, herausgegeben von Dino Rizzo, in Gli autografi del Museo Teatrale della Scala, Museo Teatrale alla Scala und Istituto di studi verdiani, Mailand–Parma, 2000. In einer Reduktion für Gesang und Klavier, herausgegeben von Pietro Spada, war das Werk zuvor bereits 1977 bei Suvini Zerboni, Mailand, veröffentlicht worden.

2. Laudate pueri

Kommentar: Ein typisches Jugendwerk mit klarer Orientierung an klassizistischen liturgischen Modellen. Die Quellenlage ist stabil; das Manuskript befindet sich im Archivio di Stato. Die Satztechnik weist auf frühe kontrapunktische Studien hin.

3. Miserere

Kommentar: Fragmentarisch erhalten. Die Zuschreibung ist wahrscheinlich, aber nicht absolut gesichert, da das Autograf Spuren späterer Bearbeitung aufweist. Stilistisch entspricht es Verdis frühen kirchenmusikalischen Versuchen.

4. O salutaris hostia

Kommentar: Ein kurzes liturgisches Werk, vollständig erhalten. Die melodische Führung zeigt bereits Verdis spätere Vorliebe für kantable Linien.

5. Ave Maria

Kommentar: Ein kleines, aber musikalisch reifes Jugendwerk. Die Quellenlage ist eindeutig; das Manuskript stammt aus dem Busseto‑Konvolut.

6. Pater noster

Kommentar: Ein Studienwerk mit deutlichen kontrapunktischen Übungen. Die Zuschreibung ist sicher.

7. Messa Solenne (1835)

Das bedeutendste geistliche Jugendwerk. Vollständig erhalten, klar datiert und eindeutig Verdi zuzuschreiben. Die Messe zeigt bereits eine bemerkenswerte kompositorische Reife und wird in der Forschung als Schlüsselwerk seiner frühen Entwicklung betrachtet.

Für Sopran, zwei Tenöre, Bass, Chor und Orchester, in Es‑Dur.

Die Messe gilt teilweise als eine gemeinschaftskomposition -Mai/Juni 1833- mit Ferdinando Provesi...  wurde aber im August 1835 von Verdi überarbeitet.

Liturgischer Text (Heilige Messe)

Handschrift, teilweise von Provesi und einem Anonymus: Busseto, Biblioteca della Fondazione Cassa di Risparmio e Monte di Credito su pegno.

Erste Aufführung: Busseto, Kirche S. Anna, 15. September 1835.

Besetzung: zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, Fagott, zwei Hörner, zwei Trompeten, Streicher, Orgel.

Struktur:

Kyrie - Chor und Orchester Christe. Tenor I, Tenor II, Orchester Kyrie. Chor und Orchester

Gloria - Bass, Chor und Orchester

Qui tollis - Sopran, Chor und Orchester

Cum sancto Spiritu - Chor und Orchester

In Erwartung einer möglichen Aufführung in der Kollegiatkirche von Busseto am 24. August, dem Fest des Stadtpatrons San Bartolomeo, verließ Verdi – wahrscheinlich auf Drängen von Barezzi und den Filarmonici – im Frühjahr 1833 Mailand, wo er noch bei Lavigna studierte, und begab sich nach Busseto. Dort komponierte er zwischen Anfang Mai und dem 20. Juni, unter der Anleitung und vielleicht auch mit der Mitarbeit Provesis, einen Teil der Messe... den Beginn des Gloria.

Der Tod Provesis am 26. Juli war vermutlich einer der Gründe, die das Projekt scheitern ließen; doch war Verdi ohne weiteres Interesse, die Komposition der Messe fortzusetzen, bereits am 20. Juni nach Mailand zurückgekehrt,

Als Verdi Ende Juni 1834 dann erneut nach Busseto zurückkehrte, mit dem Plan, Giovanni Ferrari aus dem Amt des Kapellmeisters zu verdrängen das zuvor Provesi innegehabt hatte –ein Vorhaben, das vor allem von Barezzi, Giuseppe Demaldè und Carlo Verdi betrieben wurde–, dachte man erneut an eine Aufführung der Messe am 24. August. Doch vermutlich war es das Kapitel der Kollegiatkirche selbst, das eine Aufführung nicht für angebracht hielt.

Zu Beginn des neuen Jahres 1835 befand sich Verdi wieder in Mailand, schloss seine Studien bei Lavigna ab und war Ende Juli erneut in Busseto. Wahrscheinlich im Hinblick auf eine dritte mögliche Aufführung der Messe überarbeitete und erweiterte er dann die Partitur, doch gelangte sie abermals nicht zur Aufführung in der Kollegiatkirche, weil man stattdessen dort für  eine a‑cappella‑Messe von Giovanni Ferrari gewählt hatte.

Schließlich – unter Umgehung des von Maria Luigia am 29. August 1835 erlassenen Verbots, in den Kirchen Bussetos Musik mit Instrumenten aufzuführen – wurde die Messe am 15. September, dem Fest der Schmerzhaften Jungfrau, in der außerhalb der Stadtmauern gelegenen Kirche S. Anna aufgeführt.

Sie wurde dann erneut in der Erzpfarrkirche Croce Santo Spirito, einem Ortsteil von Castelvetro Piacentino, am 8. Oktober 1837 aufgeführt:

„Gegen halb elf Uhr an jenem Tage wurde von allen Guten die feierliche Messe mit erlesener Musik des Herrn Giuseppe Verdi aus Busseto gefeiert. Und ich sage erlesene Musik, wie sie einer heiligen Zeremonie zukam; denn in ihr waren die Harmonien so gut der Bedeutung der heiligen Gedanken angepasst, dass sie im Gemüt die lebendigsten Gefühle der Frömmigkeit und der Religion erweckten. Dies sagen wir ganz zum Lob des Herrn Verdi, von dem wir glauben, dass er sich vom falschen Ton fernhält (eine Neigung, die nicht wenigen, auch hervorragenden Meistern eigen ist), die in den heiligen Funktionen musikalische Gedanken einführen, die einzig dazu bestimmt sind, den Geist zu erheitern, wie es in den Theatern üblich ist.“ (Antonio Piazza?, „Gazzetta privilegiata di Milano“, 25.10.1837)

8. Hymnus sacer (zugeschrieben)

Kommentar: Nur fragmentarisch erhalten. Die Zuschreibung ist umstritten, da stilistische Merkmale nicht eindeutig sind. Das Werk wird in wissenschaftlichen Editionen meist als „zweifelhaft“ geführt.

9. Weitere liturgische Fragmente

Kommentar: Kyrie‑Skizzen, Offertorium‑Fragmente und kurze liturgische Einzelsätze. Die meisten stammen aus dem großen Skizzenbestand, der heute im Archivio di Stato Parma/Piacenza liegt.