Streichquartett in E-Moll

Quartett in e‑Moll für zwei Violinen, Viola und Violoncello

Komponiert im Winter 1872–73

Sätze: Allegro, Andantino, Prestissimo, Scherzo – Fuga. Allegro assai mosso

Handschrift: Neapel, Biblioteca del Conservatorio S. Pietro a Majella.

Uraufführung: (privat) Neapel, Albergo delle Crocelle, 1. April 1873  Ausführende: Ferdinando Pinto (1. Violine), Salvatore Pinto (2. Violine), Antonio Salvadore (Viola) Gennaro Giarritiello (Violoncello)

Erstausgaben:

Escudier, Paris, 14. September 1876, Ricordi, Mailand, 27. September 1876 (Korrektur der Druckfahnen durch Verdi und Emanuele Muzio) Enthält: Partitur, Stimmen, Klavierauszug für vier Hände.

Kritische Edition:

Gundula Kreuzer, The University of Chicago Press / Casa Ricordi, Chicago/Milano 2010 (Serie V, Nr. 1)

Historischen Kontextes:

Als Verdi Anfang November 1872 nach Neapel kam, um dort im Teatro San Carlo Don Carlo und Aida zu dirigieren, blieb er dort länger als geplant. Beide Opern verzögerten sich, weil zunächst Teresa Stolz (Elisabetta in Don Carlo) und später Maria Waldmann (Amneris in Aida) erkrankten. So konnte Aida erst erst am 30. März 1873 aufgeführt werden.

Wegen dieser Zeit des unerwartet langen Wartens komponierte Verdi das Streichquartett, das am 1. April 1873 im Hotel „Albergo delle Crocelle“ – wo Verdi und Giuseppina Strepponi wohnten – privat aufgeführt wurde.

Auch Giulio Ricordi war dabei anwesend, demzufolge die Aufführung bereits  ein Tag später gegen Verdis wille  wiederholt wurde. Und als darauf die Società del Quartetto di Milano um genehmigung  eine erneute Aufführung bat, antwortete Verdi:

„Ich schrieb in Neapel, in den vielen Stunden des Müßiggangs, ein Quartett. Ohne Bedeutung schrieb ich es, und ebenso ohne Bedeutung wurde es, einmal geschrieben, eines Abends bei mir zu Hause aufgeführt… Man bat mich, es in der Società Filarmonica von Neapel aufführen zu lassen, aber – abgesehen von Werken, die ausdrücklich für das Publikum geschrieben sind – mag ich keine andere Art von Musik aufführen lassen, wenn sie nicht zuvor veröffentlicht worden ist, und es ist derzeit nicht meine Absicht, dieses Quartett je zu veröffentlichen.“ (16. April 1873)

Das Quartett wurde nicht in Mailand Aufgeführt, aber erneut erst am 1. Juni 1876 privat im Hôtel de Bade in Paris mit: Ernesto Camillo Sivori und Paul Viardot (Violinen), Martin Marsick (Viola), Jules Delsart (Violoncello) Und am 6. Juni 1876 erfolgte dann die erste öffentliche Aufführung im Théâtre Italien (Salle Ventadour), mit denselben Musikern.

Zwischen November 1876 und April 1877 führte das Florentiner Quartett das Werk auf einer großen Tournee durch: Deutschland, Österreich, Ungarn, Kroatien, Schweiz, Belgien, Niederlande sowie Triest und Mailand.

Und Nach der Veröffentlichung im September 1876 schrieb Verdi an Giulio Ricordi:

„Ich habe das Quartett erhalten und danke Ihnen dafür. Das Innere ist nicht so wert wie das Äußere; oder selbst wenn es das wäre – es ist ausgemacht, dass wir Italiener diese Art von Kompositionen nicht bewundern dürfen, wenn sie nicht einen deutschen Namen tragen. Immer dasselbe!!“ (September 1876)

Inhaltliche Ergänzungen ( bis 2026)

1. Verdis Haltung zur Instrumentalmusik... Verdi betrachtete das Quartett nicht als zentrales Werk, sondern als „Zeitvertreib“. Dennoch zeigt es eine hohe kompositorische Meisterschaft, besonders im fugierten Finale. Die Selbstabwertung („senza importanza“) ist typisch für Verdis Umgang mit nicht‑operatischen Werken.

2. Stilistische Einordnung

Das Quartett steht stilistisch zwischen Beethoven und der italienischen Operntradition.  Der vierte Satz (Scherzo–Fuga) gilt als Hommage an Beethoven und als ironisches Spiel mit der  kontrapunktischer Strenge.

3. Bedeutung im Gesamtwerk

Es ist Verdis einziges vollendetes Kammermusikwerk und zeigt wie souverän Verdi außerhalb der Oper komponieren konnte. Die Forschung sieht das Quartett heute als Schlüsselwerk, das Verdis großartige kontrapunktische Fähigkeiten belegt, die später in Otello und Falstaff eine zentrale Rolle spielen sollten

4. Quellenlage

Das Autograph in Neapel ist vollständig erhalten und gut dokumentiert.

Ausgaben:

1. Partitur: Mailand: Ricordi [1876], Nr. 44903; Mailand: Ricordi 1951, Nr. 538; Zürich: Eulenburg [o. J.], Nr. 2079 – Stimmen: Mailand: Ricordi 1876, Nr. 44912

2. Kritische Edition von Gundula Kreuzer (2010) University  of Chicago Press  ist derzeit maßgeblich.

3. Urtext Edition  - Anselm Gerhard (2024) Henle Verlang München