Musikw. Einführung
1. Ein Werk im Spannungsfeld der Grand Opéra
Don Carlos (Paris 1866 - 1867, französische Originalfassung) ist Verdis umfangreichstes Opernprojekt. Keine andere Oper liegt in einer solchen Fülle von Fassungen vor – insgesamt sieben Versionen, die sich über fast zwei Jahrzehnte erstrecken. Und damit ist Don Carlos ein Schlüsselwerk für die Erforschung von Verdis Verhältnis zur französischen Grand Opéra und zur italienischen Tradition.
2. Die Fassungen und ihre Bedeutung
a. Französische sogenannte Probefassung (1866 - 1867) (Fünf Akte und Ballet )
b. Fassung mit noch vor der Uraufführung durchgeführte kürzungen/veränderungen
c. Fassung mit vor der 2. Aufführung durchgeführte kürzungen/veränderungen
d. Fassung Bologna (Herbst 1867) (in der Ital. Sprache) mit leichte veränderungen und ohne Ballet
e. Fassung Neapel 1872 mit erneute leichte veränderungen
f. Mailänder Fassung (1884, vier Akte)
g. Modena Fassung (wieder in 5 Akten) nahezu gleichförmlich der Neapel von 1872
Diese Vielfalt macht Don Carlos zu einem „work in progress“, das Verdi immer wieder iun Paris dazugezwungen an neue Aufführungsbedingungen und ästhetische Vorstellungen anpasste.
3. Ursula Günther und die philologische Forschung
Die deutsche Musikwissenschaftlerin Prof. Dr Ursula Günther (1927–2006) widmete einen Großteil ihres Lebens der Erforschung Verdis Don Carlos.
a. Sie analysierte die französischen Libretti und Skizzen in der Bibliothèque Nationale.
b. Sie rekonstruierte mehrere „verlorene“ Passagen, die Verdi vor der Uraufführung gestrichen hatte.
c. Ihre kritischen Studien und Edition gelten bis heute als Referenz für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Werk.
Damit prägte Günther die internationale Verdi‑Forschung und machte Don Carlos zu einem zentralen Gegenstand philologischer Editionspraxis.
4. Themen und Forschungsfragen
Grand Opéra und italienische Tradition: Wie verbindet Verdi französische Konventionen mit seiner eigenen dramatischen Sprache?
Politik und Religion: Die Oper reflektiert Machtkonflikte zwischen Kirche, Staat und Individuum.
Quellenkritik: Welche Fassungen sind „gültig“? Wie geht die Forschung mit der Vielfalt um?
Rezeption: Von der Pariser Uraufführung bis zu modernen Aufführungen bleibt Don Carlos ein Prüfstein für Regie und Interpretation.
Eduardo Rerscigno



