Antonio Piazza

(Brescia, 1795 – Mailand, 13. März 1872)

Antonio Piazza war der Sohn eines hohen Beamten der Justizverwaltung und  war zunächst Angestellter am Gericht von Brescia; auch zeigte er sich gleichzeitig  Literaturinteressiert (Ode a Carlotta Marchionni, 1825). Um 1830 zog er nach Mailand, wo er eine bescheidene Stellung am Berufungsgericht erhielt und sich gleichzeitig dem Journalismus widmete.

Als Mitarbeiter der Gazzetta privilegiata di Milano veröffentlichte er dort Artikel verschiedener literarischer Art, darunter „La lezione del libraio“ (5. November 1834), „Scene istoriche del Medioevo d’Italia“ (14. August 1835) und „Gli attacabrighe, gli spadaccini, i rissosi“ (22. Juni 1841). Weiter arbeitete er für den Figaro, die Gazzetta musicale di Milano und den Corriere delle dame, dessen Direktor er zwischen 1834 und 1837 war.

Während die jahren danach entfaltete Piazza literarische Tätigkeiten in vielen Bereichen, schrieb  Gelegenheitsgedichte (In morte di Giulio Mylius, 1832) und für Musik (Cantata per la morte della Malibran, aufgeführt an der Scala 1837 mit Musik verschiedener Komponisten), Reden (Per l’inaugurazione del busto di Michele Barozzi, fondatore dell’Istituto dei Ciechi, 1868) und verfasste darüber hinaus auch zahlreiche musikbezogene Artikel, darunter auch eines über Ludwig van Beethoven (Strenna Teatrale Europea, 1841), Storia di un tenore (Strenna Teatrale Europea, 1842) und La virtuosa di canto (Teatro Fisiologico di caratteri moderni, um 1850). Schließlich fertigte Piazza viele Übersetzungen aus dem Französischen an, etwa Alfred de Vignys Scene di vita militare (1836).

Piazza trat auf wohl sehr geheimnisvolle weise in die Welt Verdis ein... als anonymer und sicherlich teilweiser Librettist seiner ersten Oper Oberto, conte di San Bonifacio. Im April 1834 hatte Pietro Massini, Direktor der Società Filarmonica di Milano, den jungen Verdi wohlwollend aufgenommen und ihm vorgeschlagen, eine Oper zu schreiben, die am Teatro Filodrammatici aufgeführt werden sollte:

... „und er übergab mir ein Libretto, das dann, teilweise von Solera verändert, zum Oberto di San Bonifacio wurde“.

Dies war eine späte Erinnerung von 1881. Doch im September 1836 schrieb Verdi von einem Rocester von Antonio Piazza, den er vergeblich in Parma aufführen lassen wollte. Handelte es sich um dasselbe Libretto von 1834 mit geändertem Titel? Oder war es ein anderes?

Im September 1838 kehrte Verdi nach Mailand zurück, und Massini, der nicht mehr Direktor am Teatro Filodrammatici war, ließ die Möglichkeit anklingen, dass die Oper im Frühjahr 1839 an der Scala aufgeführt werden könnte, in einer Benefizveranstaltung zugunsten der Pii Istituti Filarmonico e Teatrale. Handelte es sich dabei um Rocester? Es kam nicht dazu. Doch bald darauf interessierte sich der Scala‑Impresario Bartolomeo Merelli für die Oper. An diesem Punkt änderte sich der Titel (nur der Titel?) und wurde zu Oberto, conte di San Bonifacio, mit einem von Temistocle Solera überarbeiteten Text (dessen Name nicht auf dem Libretto erschien). Die Oper wurde am 17. November 1839 uraufgeführt.

Francesco Regli rezensierte sie sehr positiv und schloss seinen Artikel mit einem bemerkenswerten Hinweis auf das Libretto: „Nun wollen Sie, dass ich vom Buch spreche… Ersparen Sie es mir um der Barmherzigkeit willen… Es durfte nicht die Arbeit eines einzigen Dichters sein, sondern zweier (nach Pariser Brauch!), und daher kleidete es sich stellenweise in ein Gewand von verschiedenen Farben, das Gewand ungefähr des Harlekin“ (Il pirata, 19.11.1839). Ohne Namen zu nennen, deutete Regli auf die Arbeit von Piazza und Solera hin, deren Namen jedoch Piazza selbst in einer Rezension explizit machte: „Wie die Väter mit Wohlgefallen auf ihre Kinder blicken und deren Schönheiten loben, so werde ich freudig auf das Libretto von Oberto schauen, das vom jungen Maestro Verdi vertont wurde, und sagen, dass es interessante Situationen, gute Verse und Spontaneität besitzt, so war auch die Meinung meines Mitarbeiters Solera, der es mit mir nach dem System von Scribe, durch Zusammenarbeit, geschrieben hat“ (Corriere delle dame, 20.11.1839).

Alles blieb jedoch unklar, auch weil Verdi 1871 die Karten erneut mischte und an Seletti schrieb: „Oberto di S. Bonifacio wurde von Solera überarbeitet und erweitert auf der Grundlage eines Librettos mit dem Titel Lord Hamilton von Antonio Piazza, Regierungsangestellter und damals Mitarbeiter der Gazzetta di Milano“ (14. März 1871). Erinnerte sich Verdi falsch? Oder kann man einen fortschreitenden Übergang von Rocester zu Lord Hamilton und von diesem zu Oberto annehmen? Und in welchem Maße war Soleras Eingriff zu bewerten? Eine Antwort war nicht möglich; sicher war jedoch, dass Antonio Piazza, von Verdi stets als Autor seines ersten Librettos erinnert (auch wenn irgendwann der Name Ottavio Tasca auftauchte), sich vielleicht nicht mit Rocester und Lord Hamilton befasst hatte, aber gewiss in erheblichem Maße mit Oberto, conte di San Bonifacio.

Ein Antonio Piazza wurde auch von Manzoni erwähnt, in einem undatierten Brief an Giacomo Beccaria, als „der bekannte und berüchtigte Piazza“, der sich ihm „mit erhobenem Haupt“ und mit einem „Papier in der Hand“, nämlich einem Empfehlungsschreiben, vorstellte. Und wiederum erwähnte ihn Manzoni in einem weiteren undatierten Brief an Carlo Londonio, erneut als Empfehlung, damit der Empfänger ihn mit „wohlwollender Rücksicht“ aufnahm, im Zusammenhang mit einer „Bitte“, deren Einzelheiten „Ihnen sehr wohl bekannt waren“. Es gibt keine Belege, die eine sichere Identifizierung des von Manzoni genannten Piazza mit dem verdianischen Piazza erlaubten.