Musikw. Einführung

Im Schatten seiner Opern stehen die Lieder von Giuseppe Verdi (1813–1901) bis heute zu Unrecht am Rand des allgemeinen Repertoires. Obwohl Verdi nie den Anspruch erhob, ein Liedkomponist im Sinne eines Franz Schubert, Robert Schumann oder Hugo Wolf zu sein, begleiten seine Liedkompositionen seine gesamte schöpferische Entwicklung und erlauben einen aufschlussreichen Blick auf die Werkstatt des Komponisten.

Zwischen den 1830er und den späten 1850er Jahren entstanden insgesamt zwei Sammlungen mit jeweils sechs Romanzen (Sei Romanze), veröffentlicht 1838 beziehungsweise 1845, sowie fünfzehn weitere Einzelkompositionen. Diese Werke dokumentieren eine bemerkenswerte Entwicklung vom jungen Komponisten der Vor-Bussetaner Jahre bis zum bereits etablierten Opernmeister der mittleren Schaffensperiode.

Die Lieder entstanden in einer Epoche, in der Italien keine eigenständige Liedtradition von der Bedeutung des deutschsprachigen Kunstliedes entwickelt hatte. Das italienische Publikum bevorzugte die Oper, und auch die musikalische Ausbildung orientierte sich weitgehend am Theater. Entsprechend tragen viele von Verdis Liedern unverkennbar dramatische Züge. Die Gesangslinie besitzt häufig den Charakter einer Opernszene im Kleinen, während das Klavier weniger als selbständiger Partner denn als harmonische und expressive Stütze der Singstimme fungiert.

Dennoch offenbaren die Romanzen und Canzonen zahlreiche charakteristische Merkmale von Verdis Tonsprache. Bereits in den frühen Liedern begegnet man jener Fähigkeit zur unmittelbaren melodischen Gestaltung, die später seine Opern berühmt machen sollte. Die Verbindung von klarer Deklamation, einprägsamer Melodik und präziser Erfassung dichterischer Stimmungen verleiht den Werken einen unverwechselbaren Ausdruck. Themen wie Liebe, Erinnerung, Einsamkeit, patriotische Empfindung und Naturerlebnis bestimmen die Textauswahl.

Besondere Bedeutung besitzen die beiden Sammlungen der Sei Romanze. Die erste Sammlung von 1838 entstand noch vor Verdis großem Opernerfolg und zeigt einen jungen Komponisten, der Einflüsse des italienischen Belcanto ebenso verarbeitet wie Anregungen aus der französischen Salonmusik. Die zweite Sammlung von 1845 entstand nach den frühen Opernerfolgen und demonstriert bereits eine größere dramatische Konzentration sowie eine ausgeprägtere Individualität des musikalischen Ausdrucks.

Mehrere der später entstandenen Einzelgesänge gehen über den Charakter der Salonromanze hinaus und nähern sich in ihrer emotionalen Tiefe und ihrer kompositorischen Gestaltung dem europäischen Kunstlied an. Besonders die späten Lieder zeigen Verdis Fähigkeit, mit vergleichsweise einfachen musikalischen Mitteln große Ausdruckskraft zu erzielen.

Heute gewinnen Verdis Lieder zunehmend die Aufmerksamkeit von Interpreten und Musikwissenschaftlern. Sie ergänzen das Bild des Opernkomponisten um eine intime und persönliche Dimension und stellen zugleich ein bedeutendes Kapitel der italienischen Vokalmusik des 19. Jahrhunderts dar. Als Bindeglied zwischen der Tradition der italienischen Romanza und der dramatischen Ausdruckswelt seiner Opern verdienen sie einen festen Platz im Gesamtwerk Giuseppe Verdis.