Francesco Maria Piave

(Murano, 18. Mai 1810 – Mailand, 5. März 1876)

Francesco Maria Piave, dessen Vater ihn ursprünglich für eine kirchliche Laufbahn bestimmte hatte, gab diese 1827 auf, schloss sein Studium der Rhetorik und Philosophie in Pesaro ab und zog um 1831 nach Rom. Dort bestritt er seinen Lebensunterhalt mit bescheidenen redaktionellen Tätigkeiten – der Übersetzung von Psalmen, dem Verfassen von Novellen und Zeitungsartikeln, sowie mit seinem Talent als Improvisator. Und in Rom wurde Piave auch Mitglied der Accademia Tiberina und pflegte freundschaftliche Beziehungen zu Giuseppe Gioacchino Belli (der ihm ein Sonett widmete) und Jacopo Ferretti.

1838 kehrte Piave nach Venedig zurück und arbeitete dort als Korrektor und Lektor in der Druckerei von Giuseppe Antonelli. Nebenbei übersetzte er die vier Bände des Compendio della Storia del Cristianesimo des Abtes Antoine‑Henri Bérault‑Bercastel (Antonelli, Venedig 1839) und machte sich einen Namen als geschickter Improvisator von Versen im venezianischen Dialekt. Und Ende 1841 verfasste er dann sein erstes  Libretto Don Marzio, basierend auf Goldonis La bottega del caffè, von Samuele Levi vertont, jedoch nie aufgeführt würde.

1842 wurde Piave als Dichter am Teatro La Fenice angestellt und wo seine Tätigkeit  vermutlich begann mit einem Libretto, "Il duca d'Alba" das er gemeinsam mit Giovanni Peruzzini verfasste (Piaves Name wird nicht genannt) und das für Giovanni Pacini bestimmt war.

Am 10. August 1843 schrieb er an Ferretti in Rom dass zu seinen zahlreichen Arbeiten „nun noch dieses neue Drama für den Maestro Verdi hinzukommt, das in der kommenden Fastenzeit aufgeführt werden soll […]. Stell dir vor, was für eine Sache; der Maestro ist in Mailand, der arme Dichter in Venedig; bisher laufen die Dinge aber, Gott sei Dank, auf dem richtigen Weg“ (Piave an Ferretti, 10.8.1843).

Dies war nicht nur der Beginn seiner Zusammenarbeit und Freundschaft mit Verdi, sondern zugleich sein Debüt als Opernlibrettist. Von diesem Moment an wurde seine Tätigkeit außerordentlich intensiv.

Piave schrieb Libretti für Saverio Mercadante (La schiava saracena, 1848), erneut für Pacini (Lorenzino de’ Medici, 1845; Allan Cameron, 1848; Don Diego de Mendoza, 1857; Berta di Varnol, 1867), für Federico Ricci (Estella, 1846; Griselda, 1847) sowie das sehr bekannte Crispino e la comare (1850), vertont von Federico und Luigi Ricci. Insgesamt verfasste er knapp vierzig Libretti für Michael William Balfe, Carlo Ercole Bosoni, Gaetano Braga, Antonio Buzzolla, Antonio Cagnoni, Samuele Levi, Achille Peri, Paolo Serrao und andere.

Für Verdi schrieb Piave zehn neue Libretti sowie eine Überarbeitung (Attila, 17.3.1846, ursprünglich von Temistocle Solera). Die neuen Libretti sind: Ernani (9.3.1844), I due Foscari (3.11.1844), Macbeth (14.3.1847; zweite Fassung 21.4.1865), Il corsaro (25.10.1848), Stiffelio (16.11.1850), Rigoletto (11.3.1851), La traviata (6.3.1853), Simon Boccanegra (12.3.1857), Aroldo (16.8.1857; Überarbeitung von Stiffelio), La forza del destino (10.11.1862).

Schon nach dem Erfolg seines ersten Verdi‑Librettos erkannte Piave die Bedeutung dieser Zusammenarbeit: „Ich bin immer noch bewegt von dem vollen Erfolg, den mein bescheidener Ernani auf diesen Bühnen erzielt hat; doch vom göttlichen Verdi mit so vielen musikalischen Reichtümern ausgestattet, dass ich, der arme Vater, fast schon vermuten könnte, einen wohlhabenden Sohn zu haben“ (Piave an Ferretti, 15.3.1844).

Und... Piave wurde zu einem Mitarbeiter, der bereit war, jedes Opfer zu bringen, um Verdi zufriedenzustellen, und der die Änderungen, die Verdi an seinen Libretti vornahm, ohne Widerspruch akzeptierte. Er akzeptierte sogar – zumindest ohne offenen Protest – die Änderungen, die Verdi von anderen Autoren verlangte: von Andrea Maffei für Macbeth und von Giuseppe Montanelli für Simon Boccanegra. Im ersten Fall verzichtete Piave lediglich darauf, seine Unterschrift unter das Libretto zu setzen.

Verdi wiederum sorgte dafür, dass Piaves führende Rolle bei den Verhandlungen zu Simon Boccanegra, die vom 28. Mai bis Mitte Mai 1856 in Sant’Agata stattfanden, anerkannt wurde. So ließ Verdi folgende Klausel in den Vertrag aufnehmen: „Es wird ausdrücklich für alle rechtlichen Zwecke erklärt, dass der vorliegende Vertrag ausschließlich durch die Vermittlung von Herrn Francesco Maria Piave zustande gekommen ist, wobei Brenna ihn lediglich in seiner Eigenschaft als Vertreter des Gran Teatro La Fenice unterzeichnet hat“ (15.5.1856).

Piave schrieb darauf an Präsident Tornielli, der die Anwesenheit des Sekretärs Brenna als völlig unnötig empfand: „Ein ähnliches Gefühl hatte auch der Freund Verdi, der den Vertrag sogar nicht unterzeichnen wollte, wenn er nicht über meinen Kanal zu ihm gelangt wäre; doch tat er es schließlich aufgrund des letzten Absatzes des Vertrags, den Verdi selbst einfügen ließ“ (Piave an Tornielli, 16.5.1856).

1852 ernannte ihn das Teatro La Fenice zum Inspizienten, also zum Verantwortlichen für die Inszenierung. 1859 zog Piave nach Mailand, wo er auf Empfehlung Verdis die Stelle des Inspizienten am Teatro alla Scala erhielt; doch er erwies sich in dieser Funktion als wenig geeignet.

Am 5. Dezember 1867 erlitt Piave einen Schlaganfall, der ihn bewegungsunfähig machte und ihm nach und nach seine geistigen Fähigkeiten raubte. Seine Frau und seine Tochter gerieten dadurch in prekäre finanzielle Verhältnisse. 1869 erwarb Verdi Rendita‑Fondiaria‑Anleihen im Wert von 10.000 Lire zugunsten der minderjährigen Tochter Adelaide (geb. 18. Februar 1861), die ihr bei Erreichen der Volljährigkeit ausgehändigt werden sollten; bis dahin sollten die halbjährlichen Erträge ihrer Mutter Elisa zufließen.

Im selben Jahr setzte sich Verdi für die Veröffentlichung eines Album per Canto ein, bestehend aus sechs Romanzen von ebenso vielen Komponisten, dessen Erlös der Waise zugutekommen sollte. Das Album erschien im Dezember 1869 bei Ricordi; beteiligt waren neben Verdi auch Auber, Cagnoni, Mercadante, Luigi Ricci und Thomas. Verdi steuerte das Stornello bei und schrieb an Maffei: „Sie wissen sicherlich, dass zu diesen [Piave] gerade ein Musikalbum mit sechs Romanzen gedruckt wird, das ich Ihrer Obhut anvertraue […] weil es sich um ein Wohltätigkeitswerk handelt. Schlagen Sie also ein wenig die große Trommel und sorgen Sie dafür, dass Ihre Verehrer und Ihre Verehrerinnen sowie die Verehrer Ihrer Verehrerinnen das Album nicht nur kaufen, sondern auch alles Mögliche Gutes darüber sagen und es in Mode bringen. […] Ich weiß nicht, ob es musikalisch viel wert ist, ich weiß nur, dass es darum geht, einer Unglücklichen zu helfen, und das reicht für euch, und es muss für alle reichen, die ein bisschen Herz haben“ (14.11.1869).

Als Piave 1876 starb, übernahm Verdi die Kosten für die Beerdigung.