Antonio Ghislanzoni
Barco, Lecco, 25. November 1824 – Caprino Bergamasco, 16. Juli 1893
Antonio Ghislanzoni gehört zu den vielseitigsten Persönlichkeiten des italienischen Musik‑ und Literaturlebens des 19. Jahrhunderts. Ursprünglich für das Priesterseminar vorgesehen und später Medizinstudent in Pavia, wandte er sich früh dem Gesang zu und debütierte 1846 in Lodi als Bariton. Nach Engagements an kleineren Bühnen nahm er 1848 an den politischen Aufständen teil, verbrachte einige Monate im Gefängnis und setzte anschließend seine Sängerkarriere in Frankreich fort. Ihren Höhepunkt erreichte sie 1851 am Théâtre Italien in Paris, wo er an der Seite von Sophie Cruvelli und Guasco den Carlo in Ernani sang. Bis 1855 trat er mit einer eigenen Truppe in zahlreichen französischen Provinztheatern auf; sein letzter Auftritt fand im Teatro Carcano in Mailand statt.

Nach dem Ende seiner Bühnenlaufbahn blieb Ghislanzoni dem Theater verbunden — als Impresario des Mailänder Teatro di Santa Radegonda, als Mitarbeiter des Choreografen Giuseppe Rota und als Autor von Komödien. Gleichzeitig entwickelte er eine intensive literarische Tätigkeit: Für die Mailänder Zeitschrift Cosmorama Pittorico schrieb er den Fortsetzungsroman Gli artisti da teatro (1857–1860), in dem er seine Erfahrungen als Sänger und Impresario verarbeitete.
In den folgenden Jahren wurde Ghislanzoni zu einer prägenden Stimme des italienischen Journalismus. Er arbeitete für bedeutende Zeitschriften wie L’uomo di pietra, L’Italia musicale, die Gazzetta musicale di Milano und gründete 1865 die Rivista Minima, die jungen Autoren wie Tarchetti, Praga, Boito und Faldella erstmals eine Plattform bot. Als Erzähler und Romanautor schuf er zahlreiche Werke; besonders hervorzuheben ist der futuristisch anmutende Roman Abrakadabra (Teil I 1865, vollendet 1874). Ein Großteil seines literarischen Schaffens erschien später in den sechs Bänden der Capricci letterari (1886–1889), ermöglicht durch die Unterstützung vieler Freunde — darunter Giuseppe Verdi.
Als Librettist arbeitete Ghislanzoni zunächst für Komponisten zweiter Reihe, mit Ausnahme von Errico Petrella, für den er Giovanna di Napoli und I promessi sposi (beide 1869) schrieb. Der entscheidende Wendepunkt kam 1868: Auf Anregung von Giulio Ricordi besuchte Ghislanzoni Verdi in Sant’Agata, demzufolge aus diesem Treffen nicht nur der vielbeachtete Artikel La casa di Verdi a Sant’Agata (Gazzetta musicale di Milano, 26. Juli 1868) entstand, sondern auch Verdis Bitte, das neue Finale von La forza del destino zu verfassen (1869).
Und die Zusammenarbeit überzeugte Verdi so sehr, dass er Ghislanzoni mit dem Libretto zu Aida betraute (1871) — ein Auftrag, der Ghislanzoni zu einem der meistgefragten Librettisten seiner Zeit machte. In den folgenden Jahrzehnten schrieb er Libretti für Ponchielli (Il parlatore eterno, 1873; I Lituani, 1874), Gomes (Fosca, 1873; Salvator Rosa, 1874), Cagnoni (Papà Martin, 1871; Francesca da Rimini, 1878; Re Lear, 1893) und Catalani (Edmea, 1886). Insgesamt umfasst sein Werk rund 85 Libretti.
Ghislanzoni war damit nicht nur ein bedeutender Schriftsteller und Journalist, sondern auch einer der wichtigsten Librettisten des italienischen Musiktheaters — und ein enger, hochgeschätzter Mitarbeiter Giuseppe Verdis.



