Camille Du Locle

Orange, Vaucluse, 16. Juli 1832 – Capri, 9. Oktober 1903)

Camille du Locle war eine der einflussreichsten Persönlichkeiten des französischen Musiktheaters im späten 19. Jahrhundert. Als Schwager von Émile Perrin, dem Direktor der Pariser Opéra, begann er seine Laufbahn als Sekretär dieses Hauses und wurde 1869 zum stellvertretenden Direktor ernannt. Von 1870 bis 1876 leitete er die Opéra‑Comique, wo er unter anderem Georges Bizet mit der Komposition von Carmen beauftragte — ein Werk, dessen anfänglicher Misserfolg später zu einem Wendepunkt der Operngeschichte werden sollte.

Du Locles Beziehung zu Giuseppe Verdi war von besonderer Bedeutung. Gemeinsam mit Joseph Méry verfasste er das Libretto zu Don Carlos... vollendete es nach der plötzlicher Tod Mérys und übersetzte darüber hinaus später mehrere Werke Verdis ins Französische, darunter Simon Boccanegra, La forza del destino, Aida sowie Teile von Otello.

Vor allem aber verdankt sich ihm eine Entscheidung von großer Tragweite: Er war es, der Verdi die Komposition der Aida vermittelte. Du Locle hatte bei seinem Freund Auguste Mariette eine szenische Vorlage in Auftrag gegeben und brachte diese im Juni 1870 nach Sant’Agata, wo er sie gemeinsam mit Verdi in ein dialogbasiertes Libretto umarbeitete. 

Und darauf berichtete Verdi,  Giulio Ricordi:

„Du Locle kam sofort hierher; mit ihm habe ich die Bedingungen ausgearbeitet, wir haben gemeinsam das Programm studiert und auch gemeinsam die als notwendig erachteten Änderungen vorgenommen. Und darauf ist er mit den Bedingungen und den Änderungen abgereist, die dem mächtigen und unbekannten Autor vorgelegt werden sollen.“ (25. Juni 1870)

Zu dieser Zeit hatte Verdi bereits die erste Rate des Honorars für Aida erhalten -fünfzigtausend Francs-  wovon er Zweitausend Francs für die im Deutsch‑Französischen Krieg verwundete französische Soldaten spendete; die verbleibenden achtundvierzigtausend vertraute er Du Locle an, damit dieser italienische Rentenanleihen erwerbe und die Zertifikate als Sicherheit verwahre.

Doch die Lage änderte sich: Die geschäftlichen Schwierigkeiten der Opéra‑Comique -verstärkt durch den katastrophalen Misserfolg der Carmen- führten 1875 zu erheblichen finanziellen Problemen Du Locles; er war nicht mehr in der Lage, Verdis Kapital zurückzuzahlen.

Und darauf  schrieb Giuseppina Strepponi  an Corticelli:

„Verschwenderisch, stur, eitel bis zum Wahnsinn – dieser Affenmensch hat uns alle in Verlegenheit gebracht!“ (28. März 1876)

Es kam zu einem Rechtsstreit, der schließlich beigelegt wurde. 1879 Überwies Verdi einen Betrag an Du Locles Frau, die -von ihrem Mann getrennt— mit ihren Kindern in Paris in äußerst bescheidenen Verhältnissen lebte, während Du Locle selbst in Rom lebte.

Als Verdi 1882 die Überarbeitung von Don Carlos begann, wurde der Kontakt zu Du Locle erneut notwendig; dieser erfolgte dann aber indirekt über den Pariser  Archivar und Librettisten Charles Nuitter, folglich er am 8. Oktober 1882 an Giulio Ricordi schrieb: „Ich sprach mit Nuitter, damit er Du Locle schreibe.“ 

So bleibt Camille du Locle damit eine zentrale Figur der französischen Operngeschichte und ein bedeutender Vermittler zwischen Verdi und der Pariser Musikszene — ein Mann, dessen Wirken sowohl künstlerische Höhepunkte als auch menschliche und finanzielle Tragödien umfasste.