Messa per Rossini (Zweiter Teil)
Als am 13. November 1868 bekannt geworden war das Gioachino Rossini gestorben war, kommentierte Verdi diesen Verlust in einem Schreiben an die Gräfin Claras Maffei mit:
„Ein großer Name ist aus der Welt verschwunden! Es war der weitest verbreitete, populärste Ruf unserer Epoche, und es war italienischer Ruhm! Wenn der andere, der noch lebt, nicht mehr sein wird (Alessandro Manzoni), was bleibt uns dann? Unsere Minister und die Taten von Lissa und Custoza!“ (20.11.1868).
Zwei Tage später veröffentlichte die Gazzetta musicale di Milano einen Brief Verdis an Tito Ricordi, in dem er dem Vorschlag machte Rossini ein Andenken zu setzen, indem „die ausgezeichnetsten italienischen Meister (Mercadante an der Spitze)“ eingeladen würden, gemeinsam eine Requiem‑Messe zu komponieren und sich an den Kosten der Aufführung zu beteiligen, und die dann am Todestag Rossinis -1869- in der Kirche San Petronio in Bologna stattfinden soll, um anschließend „versiegelt in den Archiven des dortigen Musikkonservatoriums niedergelegt zu werden, von wo sie niemals entfernt werden soll“.
Zur Verwirklichung des Projekts sei es notwendig, eine Kommission „verständiger Männer“ einzusetzen, die die Komponisten auswählen, die Verteilung der Stücke vornehmen und „über die allgemeine Form des Werkes wachen“ könne. Es war eine ungewöhnliche Initiative, die die unterschiedlichsten, auch ironischen Kommentare hervorrief (die Zeitschrift Il Trovatore schlug vor, es werde ein „polpettone“ oder ein „fritto misto“ entstehen); doch bereits im folgenden Dezember wurde eine Kommission ernannt, bestehend aus Lauro Rossi, Alberto Mazzucato und Stefano Ronchetti Monteviti, mit Giulio Ricordi als Sekretär, und im März 1869 wurden die Namen der beauftragten Komponisten festgelegt, vierzehn einschließlich Verdi: Antonio Bazzini, Raimondo Boucheron, Antonio Buzzolla, Antonio Cagnoni, Carlo Coccia, Gaetano Gaspari, Teodulo Mabellini, Saverio Mercadante, der die Einladung aus gesundheitlichen Gründen ablehnte, Alessandro Nini, Carlo Pedrotti, Errico Petrella (später ersetzt durch Lauro Rossi), Pietro Platania, Federico Ricci, Giuseppe Verdi.
Für die Ablieferung der Stücke wurde der 15. September 1869 festgesetzt, ein Termin, der im Allgemeinen von allen Teilnehmern eingehalten wurde; Verdi übergab Ricordi sein Libera me, Domine am 21. August.
Das Projekt wurde jedoch nicht verwirklicht, vor allem wegen des Widerstands des Impresarios des Teatro Comunale von Bologna, Luigi Scalaberni, der die für die Aufführung notwendigen Sänger, den Chor und das Orchester nicht zur Verfügung stellte, sowie wegen des geringen Engagements der Kommission, die sich verspätet um die notwendigen finanziellen Mittel und die Organisation weiterer Ausführender bemühte.
Noch bevor das Projekt endgültig aufgegeben wurde, schrieb Verdi an Mariani, den für die Aufführung vorgesehenen Dirigenten:
„Wenn diese Feier stattfinden wird, haben wir zweifellos etwas Gutes, Künstlerisches, Patriotisches getan. Wenn nicht: werden wir einmal mehr bewiesen haben, dass wir uns nur dann einsetzen, wenn unser Interesse und unsere Eitelkeit befriedigt sind; wenn wir schamlos in Artikeln und Biografien beweihräuchert und geschmeichelt werden; wenn unsere Namen in den Theatern ausgerufen, auf den Straßen herumgetragen werden wie die Gaukler auf dem Marktplatz; aber wenn unsere Persönlichkeit hinter einer edlen und großzügigen Idee und einem Werk verschwinden soll, dann lösen wir uns unter dem Mantel unseres egoistischen Indifferentismus auf, der die Geißel unseres Vaterlandes ist.“ (19.8.1869).
Ein bitterer Brief, in dem Verdi Mariani unterschwellig beschuldigte, das Projekt sabotiert zu haben – was keineswegs der Wahrheit entsprach; doch die frühere Freundschaft zwischen Verdi und Mariani war inzwischen zerbrochen.
Die Messa per Rossini wurde daher aufgegeben und erst am 11. September 1988 in der Liederhalle Stuttgart unter der Leitung von Helmut Rilling uraufgeführt.



