Entstehungsgeschichte II

Erinnerungen:

All dies soll „in den ersten Monaten des Jahres 1840“ geschehen sein — also lange vor dem Tod Margherita Barezzi, der ersten Ehefrau Verdis, am 18. Juni und bevor Verdi am 22. Juni nach das Begräbniss zusammen mit seinem Schwiegervater Antonio Barezzi nach Busseto zurückkehrte.

Doch Verdi erinnerte sich nicht ganz korrekt  an bis jetzt erwähnte  Einzelheiten.  Und darüber hinaus...

Nicht „in den ersten Monaten des Jahres 1840“, sondern erst am 18. Mai jenes Jahres hatte Merelli der Direktion der Mailänder Theater die Liste der Werke mitgeteilt, die für die Herbstsaison vorgesehen waren, damit sie der Polizeidirektion zur Genehmigung übermittelt werden konnten.. Die Titel waren:

Il Templario von Otto Nicolai, bereits erfolgreich in Turin aufgeführt,

Eine komische Oper, die ausdrücklich von Alessandro Nini komponiert werden sollte,

Die Wiederaufnahme von Oberto conte di San Bonifacio.

Nach einigen Tagen kam dann die Genehmigung, doch am 20. Juni änderte Merelli unerwartet seine Meinung und erklärte, anstelle Oberto wolle er Verdi auf ein Libretto das noch geregelt werden soll, also das noch ausgewählt werden müsse, eine komische Oper schreiben lassen.

 Zu diesem Zeitpunkt war der Titel des neuen Librettos also noch nicht bekannt (wäre er bereits gewählt gewesen, hätte Merelli ihn mitgeteilt), und daher ist es plausibel, dass die angestrengte Suche nach einem Libretto („Ich las und las wieder, keines gefiel mir“) in Busseto zwischen Ende Juni und den ersten Juliwochen stattgefunden hat.

Oder  war vielleicht das Libretto bereits gewählt (noch vor dem Tod Margheritas?), aber nicht mitgeteilt worden, da es nicht völlig zufriedenstellend war („ich wählte dasjenige, das mir am wenigsten schlecht erschien“) und man hoffte, eine bessere Lösung zu finden. Schließlich wurde die Entscheidung getroffen, und am 16. Juli informierte Merelli die Theaterdirektion: der gewählte Titel war Un giorno di regno.

Zeitrahmen der Komposition und mögliche Einflüsse

Damit werden zwei Punkte klar, die aus den oben genannten Berichten nicht hervorgehen: Merelli schloss keinen Vertrag mit Verdi nach dem Erfolg der ersten Oper.

Die Komposition von Un giorno di regno konnte nicht vor dem 20. Juni beginnen, also genau in zeitlicher Nähe zum Tod Margheritas, oder einige Tage vor dem 16. Juli, als zum ersten Mal der Titel Un giorno di regno genannt wird — also das alte Libretto von Felice Romani Il finto Stanislao (1818), adaptiert mit Kürzungen und Ergänzungen, wahrscheinlich von Temistocle Solera.

In beiden Fällen betrug der Zeitraum der Komposition — unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Generalprobe am 4. September stattfand — etwa zwei Monate.

Bei der Wahl des Sujets könnte die Aufführung der Komödie Le faux Stanislas (1809) von Alexandre‑Vincent Pineux Duval in italienischer Übersetzung am Teatro Carcano in Mailand am 6. Oktober 1839 durch die Compagnia Pisenti Solmi eine Rolle gespielt haben.